Spur der Steine

Das ganze Jahr 1948 stand für uns, die wir aktiv in der Jugendarbeit tätig waren, ganz im Zeichen des III. Parlaments der FDJ, Pfingsten 1949 in Leipzig. Überall regten sich in den schon bestehenden Jugendgruppen an der Basis Aktivitäten der verschiedensten Art. Ganz aktuell erklang das damals sehr populäre Lied: „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf…!“ Es wurde zur Aktionslosung.
In der damaligen sowjetischen Besatzungszone lief auch der Schiffbau unter großen Schwierigkeiten wieder an, so auch in der relativ kleinen VEB Elbewerft Boizenburg. Es wurden Facharbeiter, gut ausgebildete junge Schiffbauer gebraucht. Dazu waren nicht nur Lehrwerkstätten, sondern auch Berufsschulen zur Aneignung des theoretischen Rüstzeugs dringend nötig. Noch lieferten die Werften im Lande vor allem Schiffe an die Sowjetunion im Rahmen der Reparationsbestimmungen, aber perspektivisch wurde großzügig an der Entwicklung eines starken volkseigenen Schiffbaus geplant.
Kurzum: Die Boizenburger Elbewerft benötigte eine neue Betriebsberufsschule (BBS). Die Betriebsgruppe der FDJ in der Elbewerft stellte sich dieser Aufgabe und startete für die damalige Zeit eine wohl einmalige Aktion.
Zum Neubau eines solchen Objektes brauchte man Ziegelsteine – aber woher nehmen? Bekannte Ziegeleien, veraltet und kaputt, konnten nicht in Frage kommen. So kam es zu Verhandlungen mit der Stadt Magdeburg. Aus den Ruinen des zerstörten Stadtzentrums wollte eine FDJ-Aufbaubrigade mit 35 aktiven FDJlern der Betriebsgruppe der Elbewerft in einem sechswöchigen Einsatz die benötigten 250.000 Ziegelsteine bergen, putzen und per Lastkahn vom Magdeburger Hafen auf der Elbe nach Boizenburg schaffen.
Dem Aufruf der FDJ Elbewerft folgten auch FDJler der Warnow-Werft. Ich meldete mich ebenfalls und stellte mich der Jugendbrigade zur Verfügung. Damals war ich Jugendsekretär beim Kreisvorstand des FDGB Hagenow.
Der Vorsitzende der FDJ der Werft, Walter Herkner, nahm diese Meldung gerne an. Mitte Oktober 1948 machte sich dann die Aufbaubrigade auf den Weg nach Magdeburg. Dort wurden wir in einer recht primitiven Baracke, Nähe Hauptbahnhof, untergebracht. Unsere tägliche Verpflegung stellten zwei Genossinnen sicher, die aus wenig viel machen konnten. Trotz der widrigen Nachkriegszustände brauchten wir nicht zu hungern. Täglich zog unsere Truppe dann mit der FDJ-Fahne voran durch zerstörte Straßenzüge zu unserem Objekt, wo es galt, die Steine aus den Trümmern zu bergen, zu putzen, zu stapeln und auf Feldloren zu verladen.
Nach sechswöchiger, täglicher 9-stündiger, nicht leichter Arbeit wurde der letzte Zug beladen. 250.000 Ziegelsteine waren auf dem Weg nach Boizenburg. Der Bau der Betriebsberufsschule war materiell abgesichert. Großer Dank kam von vielen Seiten. Die Werftleitung spendierte Sachprämien. So erhielt ich ein paar derbe Winterschuhe, was zur damaligen Zeit ein Schatz war. Viele Jugendfreunde blieben noch Jahre in Verbindung. Die neue BBS hat dann 1952 ihre Tätigkeit aufgenommen. Sie erhielt 1958 den Ehrennamen des Antifaschisten „Carl Templiner“ und diente 38 Jahre der Ausbildung des Facharbeiternachwuchses des DDR-Schiffbaus.
Mit der Abwicklung der Schiffswerft in Boizenburg im Gefolge der Konterrevolution 1989/90 verlor auch sie an Bedeutung, wie auch die nicht mehr benötigte BBS. Heute tummeln sich in ihren Mauern Antik- und Trödelmärkte und andere kleine Einrichtungen.

Eine Erinnerung an den Aufbaueinsatz unserer Brigade in Magdeburg befindet sich jedoch noch in Boizenburg: Im städtischen Heimatmuseum hat dort der Letzte der 250.000 gewonnenen Ziegelsteine einen Ehrenplatz erhalten. Diese ganz spezielle „Spur der Steine“ bleibt trotz allem unvergessen.

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