CSD 2012 – Karneval im Sommer oder politische Veranstaltung – was denn nun?

Sind die CSDs nur noch riesige Spaßveranstaltungen? Ist jener Geist von Stonewall Inn, der in den Junitagen des Jahres 1969 die Schwulen und Lesben weltweit beflügelte, heute kein Thema mehr? Haben die CSDs ihren politischen Charakter wirklich völlig verloren?

Durch die so genannten „Stonewall Riots“, wurden 1969 Grundlagen geschaffen, die zur organisierten Queer-Bewegung weltweit beitrugen. Die ersten Auseinandersetzungen fanden statt, als Polizisten eine Razzia im „Stonewall Inn“ durchführten, einer Bar mit homosexuellem Zielpublikum in der Christopher Street in New York. Zum ersten Mal widersetzte sich eine große Gruppe von Schwulen, Lesben, Transvestiten und Drag Queens der Verhaftung. Die Besucher des Stonewall Inn ließen sich das Vorgehen der Polizei endlich nicht mehr wie so oft zuvor gefallen und die Polizisten wurden gewaltsam vertrieben. Die Ereignisse führten zu einer breiten Solidarisierung im New Yorker Schwulenviertel, und auch in den Folgetagen wurde den inzwischen verstärkten Polizeitruppen erfolgreich Widerstand geleistet. Erst nach fünf Tagen beruhigte sich die Situation. Zuvor war es üblich, dass die Polizei die Identitäten aller Anwesenden bei derartigen Razzien erfasste und oft genug in der Presse veröffentlichte, mit verheerenden Folgen für die so zwangsweise Geouteten. Neben der Homophobie spielte auch Rassismus eine große Rolle, bei dem Polizeiüberfall auf das Stonewall Inn. Dort verkehrten viele „Schwarze“ und „Latinos“. Also ganz nach dem Motto nicht nur schwul, sondern dazu noch von anderer Hautfarbe und eventuell finden sich sogar noch ein paar Kommunisten. In der BRD radikalisierten sich erstmals 1970 Homosexuelle als Reaktion auf Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Noch im selben Jahr gründeten sich die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und die Rote Zelle Schwul (ROTZSCHWUL) in Frankfurt am Main. 1979 fanden in Bremen und auch in Westberlin die ersten CSDs unter dieser Bezeichnung statt. Größere Lesben- und Schwulendemonstrationen gab es in der BRD schon seit 1972. Die erste fand vor vierzig Jahren, am 29.April 1972 im westfälischen Münster statt. Im Jahr der Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die 1973 in Berlin, Hauptstadt der DDR stattfanden, gab es einen regen Austausch zwischen Mitgliedern der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) und Schwulen, die in der DDR politisch engagiert waren. Mehrere HAW-Aktivisten waren Mitglieder der SEW (Sozialistischen Einheitspartei Westberlin). Diese Genossen, z.B. Volker Eschke, aber auch Parteiunabhängige HAW-Aktivisten hatten Kontakt zu Peter Rausch, Michael Eggert und anderen, die damals eine lose Vereinigung von Schwulen in der DDR bildeten. Von 1984 bis 1990 war die DeLSI (Demokratische Lesben und Schwulen Initiative) die einzige bundesweite Schwulen -und Lesben Organisation der BRD und stand wie andere fortschrittliche Kräfte der DKP nahe. Mitte der 1990er Jahre löste sich die DeLSI wie so vieles als Ergebnis der als „Wende“ bezeichneten Konterrevolution in Osteuropa auf. Wie bei so vielem, lässt sich mit dem Zusammenbrechen des Sozialismus seit 1989, offenbar auch bei den CSDs eine zunehmend anti-progressive Entwicklung feststellen. Inzwischen sind diese Demonstrationen vor allem kommerzielle Veranstaltungen mit Volksfestcharakter. Diese zunehmende Entpolitisierung hinterlässt ein Vakuum, eine fortschrittliche Queer-Bewegung existiert nicht mehr, und womit 1969 alles begann, ist vielerorts kein Thema mehr. Das Wesentliche an Stonewall war der Widerstand gegen die Staatsgewalt, das legitime Anliegen der Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Und genau das ist heute aktueller denn je. Wir von DKP queer sind der Meinung, das jetzt die Zeit wieder reif für einen revolutionären Pol in der Queer-Community ist, der eine fortschrittliche Alternative zum kapitalistischen Wahnsinn und der rechten Anpassungspolitik des Lesben- und Schwulen-Verband Deutschland (LSVD) thematisiert und aktiv dafür eintritt. Wir wissen: Nur der revolutionäre Bruch mit den kapitalistischen Macht- und Eigentumsverhältnissen beseitigt letztendlich die Ursachen von Ausbeutung und Entfremdung, Krieg, Verelendung und Zerstörung unserer Umwelt. Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Sexualität oder Lebensweise hat Sündenbock- und Ablenkungsfunktion. Dies dient den Herrschenden als Mittel zur Spaltung und damit der Stabilisierung ihrer Macht. 

Wir sehen es als unsere Pflicht, das Bewusstsein zu formen. Sowohl mit unseren Texten, als auch mit unserem Auftreten. Je mehr Menschen erkannt haben, dass es nicht darauf ankommt, wie das einzelne Individuum sich zeigt, wie es lebt und wen, was oder wie viele es liebt, erreichen wir die Voraussetzung für den Kampf um eine freie, solidarische Gesellschaft. Unser Engagement für die sexuelle Emanzipation des Menschen kommt aus der festen Überzeugung, „dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei,“ und endet „also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.“ Karl Marx (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, 385)

Thomas Knecht

Vorabdruck aus der aktuellen red&queer.

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