Aus der UZ: Dimension verklärt

Folgend veröffentlichen wir einen Leserbrief, der u. a. von unserem Rostocker Genossen Daniel Schikora verfasst wurde, als Reaktion auf den Artikel „Krieg um Tigray“ in der UZ vom 08.01.2021.

Der Bericht über den Konflikt in Tigray enthält einige Ungenauigkeiten, die eher dazu beitragen, die inneräthiopischen wie internationalen Dimensionen des Konflikts zu verklären. So werden bereits die historischen Ursprünge der TPLF, die heute die gewaltsame Sezession der Region Tigray betreibt, in nebulöser Weise in die Nähe des Freiheitskampfes der Völker des südlichen Afrika, etwa Angolas, gerückt. Es wird allerdings auch auf ihre Inspiration „durch Gedanken von Enver Hoxha und eine maoistische Kalaschnikow-Romantik“ hingewiesen; „im oppositionellen Marsch durch die äthiopische Politik“ habe sie sich „sozialdemokratisiert“ und korrumpiert. Auf diese Weise wird völlig ausgeblendet, wen die „Befreiungsfront“ TPLF bekämpfte, bevor sie und ihre Verbündeten 1991 die Macht an sich reißen konnten, nämlich die von der UdSSR und Kuba unterstützte revolutionär-demokratische Regierung in Addis Abeba. Der „oppositionelle Marsch“ der TPLF war tatsächlich eine bewaffnete Konterrevolution, die darin mündete, dass Äthiopien mit der Unabhängigkeit Eritreas seinen Zugang zum Roten Meer verlor und die TPLF-geführte Regierung sich zum Beispiel hinsichtlich des Überfalls auf den Irak 2003 als Vasall des US-Imperialismus zeigte. 1998 bis 2000 führten Äthiopien und Eritrea Krieg gegeneinander, worauf die bis heute anhaltende Feindschaft zwischen Eritrea und der TPLF – nicht der heutigen äthiopischen Zentralregierung! – zurückgeht. Die TPLF wirft Eritrea vor, an militärischen Handlungen auf äthiopischem Boden beteiligt zu sein, was in dem Artikel einfach übernommen wird.

Dass Äthiopien keineswegs wehrlos den internen und externen Bestrebungen ausgesetzt ist, es nach dem Vorbild Jugoslawiens oder des Sudan entlang ethnischer beziehungsweise regionaler Bruchlinien zu zerlegen, wird hingegen nicht thematisiert. Die Alternative zu einer solchen barbarischen Entwicklung bietet der Ausbau der Kooperation insbesondere mit China, zu dem gerade Äthiopien (wie Eritrea) seit langem freundschaftliche Beziehungen unterhält.

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