Solidarität mit Nicaragua

Nicaragua, das größte mittelamerikanische Land, hat eine Einwohnerzahl von etwa 5,8 Mio., wobei allein in der Hauptstadt Managua heute etwa 1,4 Mio. Menschen leben. Eine knapp 50jährige Diktatur der Familie Somoza regierte das Land im 20. Jahrhundert je nach weltpolitischer Lage mit Terror, mit antikommunistischer, anticubanischer Rhetorik, mit massiver persönlicher Bereicherung und Ausbeutung des Volkes, als Marionette der USA. Unter der Führung der Nationalen Befreiungsfront der Sandinisten (Frente Sandinista de Liberación Nacional = FSLN) gelang die militärische Einnahme Managuas am 19. Juli 1979 (heute Staatsfeiertag).

FSLN und gemäßigte Vertreter der Opposition gegen Somoza bildeten zunächst eine fünfköpfige Junta (Versammlung). Das große Eigentum von Ländereien und Betrieben der Somozas wurde verstaatlicht, und der Nationalkongress sowie die Nationalgarde Somozas wurden aufgelöst. 1984 wurde Daniel Ortega Saavedra, Oberbefehlshaber der sandinistischen Revolution, zum Präsidenten gewählt. Zunehmend unterstützte die US-Administration Ronald Reagan die antisandinistischen Konterrevolutionäre (Contras: viele ehemalige Mitglieder der Somoza-Nationalgarde im Exil) mit Waffen und Geld, um die Infrastruktur und Aufbauprogramme scheitern zu lassen. Es wurden z. B. Öltanks gesprengt, Entwicklungshelfer und Mitglieder von bäuerlichen Kooperativen getötet und etliche weitere Verbrechen verübt. 1985 setzten die USA ein Handelsembargo gegen Nicaragua durch.

Trotz vielen sozialen Maßnahmen verschlechterten sich die wirtschaftliche Situation des Landes und damit die Lebensbedingungen (auch infolge des Wirtschaftskrieges). 1990 verloren die Sandinisten bei den Wahlen. Eine Koalition aus 14 Oppositionsparteien kam an die Macht unter Violeta Barrios de Chamorro. Daraufhin hoben die USA ihr Handelsembargo auf. Die parlamentarische Opposition zur USA-freundlichen Regierungspolitik stellten nunmehr die Sandinisten unter Ortega. 1996 und 2001 gewannen die Liberalen die Präsidentschaftswahlen. Folge: soziale Verschlechterung für viele.

2006 siegte Daniel Ortega, nachdem die Sandinisten aus den Gemeinde- und Kommunalwahlen 2004 gestärkt hervorgegangen waren. 2011 wurde Ortega erneut zum Präsidenten gewählt.

Nicaragua ist das zweitärmste Land Lateinamerikas nach Haiti (Daten der Weltbank 2012). Eine Finanzhilfe der EU laut Länderstrategiepapier 2007-2013 von insgesamt 42 Mio. Euro wurde im Jahr 2009 eingestellt aus „verschiedenen Gründen“, u. a. „Demokratiedefizite“. Die Annäherung an Cuba und Venezuela war nicht genehm. Auch die Bundesrepublik Deutschland stoppte die Budgethilfe an Nicaragua.

Wie sah die Solidarität der DDR-Bevölkerung mit dem nicaraguanischen Volk aus?
Nur zwölf Jahre nach dem Sieg der Sandinistischen Revolution landete am 31. Juli 1979 eine Sondermaschine der DDR-Fluggesellschaft „Interflug“ mit 15,5 Tonnen Hilfsgütern in Managua. Es handelte sich um eine Hilfsaktion in Zeiten des Kalten Krieges, um die Unterstützung einer linksgerichteten Befreiungsbewegung gemäß den Grundprinzipien der DDR: des proletarischen Internationalismus, der antiimperialistischen Solidarität und der friedlichen Koexistenz.

Weitere Leistungen des Solidaritätskomitees der DDR, das als eine juristisch eigenständige gesellschaftliche Organisation fungierte, bestanden in der Lieferung von 72 Tonnen Hilfsgütern im Wert von 4,3 Mio. DDR-Mark. Darunter befanden sich 25 Tonnen Arzneimittel, Impfstoffe, Verbandsmaterialien, Bekleidung, Schulmaterial und Nahrungsmittel.

Bis 1989 wurden über 360 Kriegsverletzte, z. T. Schwerverwundete (auch durch den Krieg der Contras verursacht) in der DDR medizinisch versorgt, für die mehrere Millionen Spendengelder der DDR-Bevölkerung eingesetzt wurden.

Den stufenweisen Aufbau des Krankenhauses „Carlos Marx“ in Managua sowie den sechsjährigen Einsatz (1985-1990) von etwa 80 Ärzten, Schwestern, Hebammen, Technikern, Dolmetschern, Apothekern, Laboranten u. a. und teilweise auch seine Unterhaltung finanzierte das Solikomitee aus Spenden der DDR-Bevölkerung in Höhe von mehr als 40 Mio. DDR-Mark. Es wären noch viele weitere Solidaritätsleistungen zu nennen, z. B. die Einrichtung eines umfassenden Berufsausbildungszentrums, Lehrwerkstätten, 3,5 Mio. Schulbücher, Laborausrüstungen für die Universität in Managua, Unterstützung eines Kinderheims und etliches mehr.

Auch kurz nach dem verheerenden Hurrikan „Joan“ im Oktober 1988 (ich habe ihn selbst miterlebt, da ich zwei Jahre lang als Kinderärztin im Hospital „Carlos Marx“ gearbeitet habe) leistete die DDR Hilfe im Wert von 11 Mio. DDR-Mark, z. B. 1000 Tonnen Zement, 200 Tonnen Weizenmehl, 20 Tonnen Milchpulver, 40 Tonnen Konserven, 15 Tonnen Waschpulver, 5000 Decken, 20 LKW samt Ersatzteilen, 125.000 Meter Zeltbahngewebe und Bekleidung, außerdem 10.000 Tonnen Getreide.

Trotz eigenen ökonomischen Schwierigkeiten waren die Spendenbereitschaft und der Solidaritätsgedanke in der DDR groß. Z. B. bekamen wir im Hospital einen neuen Krankenwagen, für den Schüler in der DDR Geld gesammelt hatten.

Nach der sogenannten „Wende“ waren hohe Summen von Spendengeldern, die beim Solikomitee verblieben waren, durch die „Treuhand“ in Gefahr und mussten durch eine gerichtliche Entscheidung gerettet werden. Nachfolger des DDR-Solikomitees wurde der Solidaritätsdienst-international e. V. (kurz SODI), der uns – einer Gruppe ehemaliger Mitarbeiter des Hospitals „Carlos Marx“ – half, im Jahr 2009 die gespendete Ausrüstung einer 6-Betten-Intensivstation nach Managua zu verschiffen.

Das Hospital existiert unter nicaraguanischer Leitung weiter, wurde aber infolge der politischen Veränderungen 1990 sowohl in Deutschland als auch in Nicaragua 1993 umbenannt und heißt seitdem „Hospital Alemán Nicaragüense“ – Deutsch-Nicaraguanisches Krankenhaus.

Der Artikel erschien in einer stark gekürzten Fassung in der Landeszeitung „Roter Leuchtturm“ Nr. 2016-4.

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