Rostock: Bevölkerungs- und Wohnraumentwicklung zu DDR-Zeiten

Vorwort
Karl Marx wäre dieses Jahr 200 geworden, die DKP ist 50 Jahre alt und ihr Landesverband Mecklenburg-Vorpommern 5. Doch nicht nur die Kommunistinnen und Kommunisten Rostocks feiern Jubiläen, sondern ganz Rostock ist mitten in den Feierlichkeiten aus Anlass des 800jährigen Bestehens der Stadt.
Ein Anlass auch für viele Veröffentlichungen. Mit seinem Buch „40 aus 800 – Rostock in der DDR“ hat Hennig Schleiff auch ein Stück seines Lebens zu Papier gebracht.
Als Rostocks damaliger Oberbürgermeister schreibt er über Kommunalpolitik und Wirtschaftsentwicklung, alltägliche Schwierigkeiten und politische Lösungen. Auch kommen zahlreiche andere zu Wort, sodass ein breites Themenspektrum Erwähnung findet. Ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern, aber auch ohne pathetische Phrasen schreibt er über Rostock im Sozialismus.

Angeregt durch sein Buch, entstand dieser Beitrag.

Bevölkerungsentwicklung
Rostocks Bevölkerung wuchs zwischen 1949 und 1989 von 134.000 auf 254.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Dieser Zuwachs von 120.000 Menschen brachte den Bevölkerungshöchststand in der Geschichte. Grund hierfür war die durchgehend positive Geburten/Sterbe-Bilanz und das Überwiegen der Zuzüge gegenüber den Wegzügen aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung.

Wohnraumentwicklung
Der riesige Bedarf an Wohnraum konnte nicht allein durch Wiederaufbau der kriegsgeschädigten Gebäude bewältigt werden. Der Zuzug und die vielen Familiengründungen erforderten einen massiven Neubau von Wohnungen. Dem wurde durch die Errichtung ganzer Stadtteile entsprochen. So entstanden die Wohngebiete Reutershagen, Südstadt, Lütten-Klein, Evershagen, Lichtenhagen, Groß-Klein, Schmarl, Dierkow und schließlich Toitenwinkel. Neun neue Stadtteile, um der Lage allmählich Herr zu werden.

Als Resultat entspannte sich, trotz Bevölkerungszuwachs, das Verhältnis von Wohnungen und Bewohnenden relativ. Im Jahr 1971 kamen auf eine Wohnung 3,3 Personen, bis 1989 waren es nur noch 2,5 Personen. Im gleichen Zeitraum sank die Wohnraumbelegung ebenfalls um ca. 25% von 1,2 auf 0,9 Personen.
Staatlich finanziert, konnten in 40 Jahren insgesamt 70.000 neue Wohnungen entstehen, davon über 86% in den neu erschlossenen Gebieten. In den 1980iger Jahren wurden laut Aufzeichnungen jährlich über 2.100 Wohnungen errichtet. Im Durchschnitt baute die DDR in Rostock 1.750 Wohnungen pro Jahr.

Relative Erfolge
Dass im Ergebnis noch immer deutlich zu wenige Wohneinheiten angeboten werden konnten, lag vor allem daran, dass seit Beginn des Ersten Weltkrieges dem Instandhaltungsbedarf nicht entsprochen wurde. Instandsetzungen und Modernisierungen der letzten Jahrzehnte mussten im gesamten Stadtgebiet quasi nebenbei aufgeholt werden. Dennoch zusätzliche Bauvorhaben umsetzen zu können, war ausschließlich mit der Neubauplatte realisierbar. Die Errichtung von weniggeschossigen Häusern in traditioneller Bauweise hätte dem rasantem Bevölkerungszuwachs nicht gerecht werden können.

Die dringend benötigte Quantität erforderte Zugeständnisse an die Qualität, das muss und darf gesagt sein. Dennoch gelang es, durch den Bau von unterschiedlichen Gebäudetypen, mit Fassadengestaltungen, dem Anlegen von Grünflächen, Parks und Kleingärten sowie mit künstlerischen Installationen den Wohngebieten Charakter zu geben. Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Freizeit- und Sportangebote, Jugendclubs, Verkehrswege als Anbindung zu den Betrieben und der Innenstadt – all das konnte wohnortnah angeboten werden, wenn auch nicht auf Anhieb. Hennig Schleiff (Rostocker Oberbürgermeister 1975-1990) schrieb dazu: „Über die industriell errichteten Wohngebiete ist (…) Verunglimpfendes gesagt und geschrieben worden. Offen bleibt dabei immer die Frage, welche Alternativen es gegeben hätte“.

Da die Mieten politisch gewollt konstant niedrig blieben, hatte der Markt keine Steuerungsfunktion. Die Vergabe und der Tausch von Wohnungen wurden anhand der Wohnraumlenkungsverordnung geregelt. Lediglich 12% der Wohnungen wurden privat vermietet. Der restliche Bestand war Volkseigentum oder in Besitz von Genossenschaften. Daran ist abzulesen, wie weitreichend die Kontrolle in der Wohnungspolitik damals war.

Schwenk zu heute
Die aktuelle Einwohnerzahl liegt 46.000 unter ihrem Höchststand. Zwar sagen Prognosen einen deutlichen Bevölkerungsanstieg voraus, allerdings bringt dieser mit 25.000 Personen bis 2035 längst keinen neuen Rekord in der Stadtgeschichte.
Die ehemalige Viertelmillionenstadt bietet trotz geringerer Bevölkerungsanzahl nicht genügend Wohnraum. Dafür gibt es diverse Gründe, wie „Rückbau“ (Abriss), mangelnde Instandhaltung (unnötiger Leerstand), und natürlich sind die Ansprüche in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Im Vergleich zu 1971 wohnen heute durchschnittlich nur noch ca. halb so viele Personen gemeinsam in einer Wohnung. Rein rechnerisch müsste sich schon allein daher der Bestand verdoppeln.

Doch auch die Wohnungspolitik hat sich gewandelt. Der Neubau stockt nahezu. Die ersten 36 Sozialwohnungen nach 15 Jahren, welche derzeit in Schmarl errichtet werden, ersetzen nicht einmal ein vor knapp 20 Jahren an dieser Stelle aufgrund von Leerstand abgerissenes Hochhaus. Im Bautempo der DDR wären in diesem Zeitraum 25.250 Sozialwohnungen entstanden. Der Vergleich hinkt, da die Anforderungen heute höher sind und durchaus andere Wohnungstypen entstanden, aber er verdeutlicht die Relationen.

Gebaut wird fleißig, aber eben vorwiegend für Käufer und Mieter mit hohem Einkommen. Was an der Realität vorbeizielt, die Mehrheit kann sich Eigentumswohnungen für 2.000 € pro Quadratmeter nicht leisten. Es wird nicht nur zu wenig, sondern auch zu hochpreisiger Wohnraum geschaffen. Auch Wikipedia weiß: „Schrittweise übernahm der Preis einer Wohnung die Regulierungsfunktion auf einem freien Wohnungsmarkt. (…) Eigentümerrechte kamen bald voll zur Geltung und wurden teilweise mit Polizeigewalt forciert.“ Auf einem freien Markt erhöht ein knapperes Angebot die Preise. Luxusappartements bringen mehr Rendite, und ein aus Mietersicht wünschenswertes leichtes Überangebot an Wohnungen würde den Großvermietern die Preise ruinieren.

Der Blick in die Stadtgeschichte zeigt: Wohnungspolitik ist Klassenpolitik.

Zum Vergleich: Bevölkerungsentwicklung und Wohnraumbedarf (2018)

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