Aus der UZ: Palastschau in Rostock

Folgend dokumentieren wir einen Artikel aus der Ausgabe der UZ (Unsere Zeit) vom 11. Oktober 2019.

Noch bis Mitte Oktober wähnt man sich in der Rostocker Kunsthalle einer kleineren Ausgabe des abgerissenen Palastes der Republik gegenüberzustehen. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, quer über die Front der Kunsthalle gespannt, zeigt verfremdet einen Part der gläsernen Hülle des Palastes der Republik – jedoch ohne DDR-Staatsemblem: Hammer, Zirkel, Ährenkranz; sondern mit einer Uhr versehen. Architektonisch passt es, ist doch der Rostocker Kunsthallenbau im damaligen Stil, also quadratisch, quaderförmig. Übrigens war der Bau in Rostock der einzige Neubau eines Kunstmuseums zu DDR-Zeiten. Bis heute konnte das Gebäude einen gewissen DDR-Charme erhalten, der alles andere als angestaubt wirkt.

Die Ausstellung nimmt für sich in Anspruch, den Palast der Republik aus architektonischer, stilistischer, modischer Sicht zu betrachten. Politik spielt nicht die vordergründige Rolle in der Ausstellung, auch wenn die Ausstellung durch und durch politisch ist – und das nicht einmal, wie man es eventuell heutzutage erwartet. Vorrangig geht es im ersten Teil um die grobe Planung des Baus, hin zu detaillierten ausgestellten Mustern von Teppichen und Wandverkleidung, Möbeln, Marmor und Glas weiter zur Dienstkleidung der Angestellten, je nach Bereich, ob Restaurant, Diskothek oder Kegelbahn – hierin zeigt sich auch der ehemalige Charakter des Gebäudes als Haus des Volkes, als öffentlicher Raum für Jung und Alt. Es wurden Hochzeiten gefeiert, Tänze getanzt und vom hauseigenen Geschirr gespeist. Davon zeugt auch die ausgestellte drehbare runde Bodenplatte, die einst in der Diskothek des Palastes der Republik auf der Tanzfläche rotierte. Daneben hingen aufgeschriebene Erinnerungen, von Berlinerinnen und Berlinern sowie von Touristen, an eben dieser kreisrunden Platte. Auch die Kunsthalle öffnete ihre Pforten an drei Freitagen im September, den sogenannten „Palasttagen“ bis 23 Uhr, damit Gäste bei DDR-Cocktails ausgelassen feiern konnten.
Neben den erwähnten Designstücken der Einrichtung kommt die eigentliche Kunst nicht zu kurz. Teile der ehemalig ausgestellten 16 Monumentalbilder, die unter dem Titel „Wenn Kommunisten träumen“ damals den Palast im zweiten und dritten Stockwerk zierten, sind zu sehen. Darunter beispielsweise Bilder von Willi Sitte (Die Rote Fahne – Kampf, Leid, Sieg), Bernhard Heisig (Ikarus) oder Ronald Paris (Unser die Welt, trotz alledem). Diese Bilder wurden mit weiteren Stücken, die damals im Palast der Republik zu sehen waren, im Potsdamer Museum Barberini ausgestellt, wo sie für Aufsehen und Diskussion sorgten. Die Bilder sind nicht nur aufgrund ihrer Größe beeindruckend. Sie vermitteln den historischen Optimismus, die Zuversicht im Hinblick auf eine bessere Zukunft, auch in (natur)wissenschaftlicher Hinsicht. Sie zeugen vom ertragenen Leid und dem heroischen Kampf.

Ein weiterer Part beschäftigt sich mit zeitgenössischer Kunst, Dokumentationen und eklektischen Versatzstücken, Bezug nehmend auf den „Palast“. So wird eine Dokumentation über den letzten Hausmeister des Palastes der Republik und seine Eindrücke gezeigt. Man findet Fotografien mit diversen Schriftzügen und Lichtinstallationen – wie das übergroße Wort „Zweifel“, das den Palast der Republik 2005 zierte und mehr als deutlich die Gefühlswelt, mit all ihren ambivalenten Schattierungen, der Ostdeutschen darstellt. Die damalige Hysterie der Herrschenden gipfelte im beschlossenen Abriss des einst modernen Staats- und Volksgebäudes. Mehr als plakativ zeigt dies eine ausgestellte Fotografie des bereits komplett abgerissenen Gebäudes, wo nur noch ein Teil des Betonfundaments mit einem weißen Graffiti mit dem Schriftzug „Die DDR hat’s nie gegeben“ zu sehen ist. In einer weiteren Videoinstallation treffen Talkshow-artig ehemalige Erbauer des Palastes der Republik mit Arbeitern zusammen, die für den Abriss zuständig sind. Leider wirken diese Sequenzen – bei Kaffee und Kuchen im Abrisshaus des Palastes mit einer androgynen Moderatorin im Frack – gewollt ulkig. Auch die damalige Leipziger Initiative für den Wiederaufbau des Palastes der Republik in der sächsischen Metropole wirkt eher als lustige Kunstidee ohne wirklichen Rahmen. Wenn man die Zeit hat und sie sich nimmt, lohnt es sich jedoch, in einem kleineren Raum vorbeizuschauen, sich zu setzen und sich die erste Tagung der Volkskammer sowie deren letzte Tagung, die komplett aufgezeichnet sind, anzuschauen. Dort werden ebenfalls zwei Sitze und Pulte der Volkskammerabgeordneten gezeigt, umrahmt von Fotografien.

Die Kunsthalle Rostock zeichnet sich im Generellen dadurch aus, oft auch Künstlerinnen und Künstler aus der DDR zu zeigen. So konnte man vor der „Palast“-Ausstellung Werke von Willi Sitte und Fritz Cremer sehen. Ab November werden unter anderem Werke von Ullrich Hachulla, einem Verteter der Leipziger Schule, gezeigt. Die Kunst der DDR ist aktueller denn je, sie hatte und hat einen Auftrag. Sie zeigt den Menschen: Es geht auch anders.

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