In der Zeitung “Junge Welt” erschien am 27.08.2010 folgendes Interview über den Zusammenhang von Tierquälerei und Kapitalismus:
Der Kirchtag „Mensch und Tier“ …in Dortmund. Es geht letztlich um die natürlichen Ressourcen.
Die Antiatombewegung ist im Aufschwung. Empörung herrscht über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. Sie hingegen referieren beim Kirchentag „Mensch und Tier“, der vom heutigen Freitag bis Sonnabend in Dortmund stattfindet …
Das alles steht im Zusammenhang. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen basiert. Die gesamte Natur ist als Rohstofflieferant in Dienst gestellt. Was wir zur Zeit anrichten, wirkt wie eine Querschnittslähmung im Motor der Evolution. Die Verwüstung ist ungeheuerlich. 150 Tier- und Pflanzenarten werden täglich unwiederbringlich ausgerottet. Nach industriestandardisierten Normen halten wir Milliarden von Tieren, um sie als Billigstprodukte auf dem Schlachtviehmarkt zu handeln. Wer sich erlaubt, mit fühlenden Wesen gefühllos umzugehen, hat am Ende keine Ressourcen mehr für Mitleid im Umgang mit Menschen
Inwiefern hat die von Ihnen geschilderte Haltung der Menschengegenüber Tieren mit der Gesellschaftsform des Kapitalismus zu tun?
Der Kapitalismus sieht nur die Vermehrung des Geldes vor. Er kennt keine Rücksicht. Wer glaubt, die Welt so verwalten zu können, kann sie nur zugrunde richten. Der Kapitalismus funktioniert mit außerordentlichem Expansionsstreben. Kreditfinanzierung erzeugt einen enormen Zinsendruck. 2015 werden wir in der Bundesrepublik 50 Milliarden Euro Zinsen für Schulden bezahlen, die wir nicht finanzieren können. Das ist mehr als der Bildungshaushalt – oder der ohnedies entsetzliche Militärhaushalt. Die Vermehrung der Menschheit in den vergangenen 50 Jahren von ungefähr vier auf etwa 6,8 Milliarden ist ein Alptraum. Es wird nicht diskutiert, daß Tiere und Pflanzen an unserer Seite ein Überlebungsrecht haben.
Sie treten für einen Paradigmenwechsel ein?
Wir können nicht den Einsichten von Charles Darwin folgen und eine veraltete Herrschaftsethik auflegen, die alles, was wir wissen können, nur dazu verwendet: Kapital soll Rendite abwerfen. Es gibt keinen Freiraum mehr, andere Gedanken zu entwickeln. Von der Atombombe bis zur Genveränderung wird alles erforscht- ohne zu überlegen, ob es sich ohne Schaden in der Natur einfügen läßt. Schimpansen z.B. unterscheiden sich in weniger als zwei Prozent des Genoms von uns Menschen. Sie haben Gefühle wie Freude und Leid, sie können tanzen und Einsamkeit bis zur Suizidgefährdung fühlen – trotzdem sind wir dabei, sie aus der Evolution auszuklammern.
Sind Sie der Meinung, alle Menschen sollten sich vegan ernähren?
Natürlich müssen wir über unsere Gewohnheiten nachdenken. Wir können nicht Tiere in der Massentierhaltung quälen und uns dann fröhlich an den Tisch setzen. Mit der Massentierhaltung muß Schluß sein – das ist wichtiger als Streitereien zwischen Vegetariern und Veganern. Wir sind nicht allein auf der Erde. Weil der Turbokapitalismus jedoch immer mehr Menschen als Verbrauchsmaterial verlangt, wird Geburtenkontrollpolitik nicht mehr thematisiert. Das blockiert u.a. der Vatikan.
Was enttäuscht Sie derart, daß Sie aus der katholischen Kirche ausgetreten sind?
Ein komplexes Thema. Das Kirchensystem hat sich außerstande gesehen, an irgendeiner relevanten Stelle den Mund aufzumachen. Die Bundesregierung baut die Bundeswehr zur Dauereingreifstruppe weltweit um – Protest ist nicht zu vernehmen. Es kann nicht sein, daß wir künftig Berufssoldaten haben, die davon leben, daß sie töten. Wir haben eine Kirche, die das mit militärbischöflichen Segen abzudecken glaubt und auch in der Asylfrage nichtaktiv ist.
Was wollen Sie mit Ihrem Vortrag mit dem Titel „Der tödliche Fortschritt“ beim Kirchentag bewirken?
Die Besucher muß ich nicht überzeugen – wer dahin geht, ist es bereits. Daß Sie meine Argumente in die Zeitung bringen, ist schon ein Schrittvoran. Wer etwas von der Natur begreift, kann die unnatur unseres Wirtschaftssystems nicht akzeptieren.
Interview: Gitta Düperthal


